Kintsugi ist eine jahrhundertealte japanische Technik – und zugleich eine überraschend moderne Idee: Zerbrochenes nicht zu verstecken, sondern die Bruchlinien in leuchtendes Gold zu tauchen. Was zunächst wie eine Reparaturmethode für Keramik klingt, entpuppt sich schnell als eine Kunstform, die unsere Vorstellung von Wert, Schönheit und Neubeginn auf den Kopf stellt.
Wie schnell ist so ein Malheur passiert: Du willst fix noch den Geschirrspüler ausräumen, und zack, fällt das gute Porzellan in Richtung Boden und zerspringt in (hoffentlich nicht) tausend Stücke. Was bleibt, ist „Ab in den Müll damit“. Doch Halt! Du kannst die Scherben wieder zusammenfügen und obendrein auch noch ein Kunstwerk daraus machen!
Die Technik dafür kommt aus Japan und nennt sich Kintsugi, was soviel heißt wie Zusammenfügen mit Gold. Der Legende nach entstand Kintsugi im 15. Jahrhundert, als dem Shogun Ashikaga Yoshimasa seine geliebte Teeschale zerbrach und sie zur Reparatur nach China schicken ließ. Die Schale kam jedoch mit Metallklammern über den Rissen zurück – funktional, aber ästhetisch völlig unbefriedigend. Enttäuscht bat Yoshimasa daraufhin seine japanischen Handwerker, eine schönere Lösung zu finden.
Und sie fanden sie! Denn sie klebten die Teeschale mit Harz neu zusammen und hoben die Bruchlinien golden hervor. Der Shogun war entzückt, ein neuer Trend war geboren! Das Besondere daran ist, dass die Klebestellen nicht als ein Makel möglichst verbogen werden. Ganz im Gegenteil: Die Bruchlinien werden mit einer Goldfarbe so hervorgehoben, dass dadurch wieder ein einzigartiges Kunstwerk entsteht.

Kochtopf aus Georgien des 19. Jahrhunderts
Bild von Guggger, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Kintsugi ist eng mit der Philosophie des Wabi-Sabi verbunden, welche seit dem japanischen Mittelalter immer mehr an Bedeutung gewonnen hat. Sie setzt auf die Wahrnehmung und Wertschätzung der Schönheit auch im Vergänglichen, Fehlerhaften, Unvollkommenen oder vom Alter Gezeichneten. Im völligen Gegensatz zu unserer westlichen Philosophie des Strebens nach Perfektionismus und Vollkommenheit.
Und genau das ist das Tolle daran: Es muss nicht perfekt aussehen und hat trotzdem oder gerade deswegen einen hohen ästhetischen Wert. Es verlangt aber von dir Geduld, Behutsamkeit, Wertschätzung, Sorgfalt und Kreativität bei der Umsetzung. So kannst du dein individuell designtes Geschirr kreieren und vermeidest außerdem Müll, indem du kaputtem Geschirr ein zweites Leben schenkst.
Und wie funktioniert nun Kintsugi?
Zunächst brauchst du natürlich eine kaputte Keramik, die in möglichst wenige Teile zerbrochen ist. Die Teile legst du jetzt so, dass klar ist, wo was hinkommt. Das erleichtert dir die Arbeit und vermeidet eventuelle Hektik beim Zusammenfügen. Die Bruchkanten müssen fett- und staubfrei sein.
Nun mischst du einen kleinen Teil Keramik-Klebstoff mit goldenem Pulver und trägst diesen auf die Bruchlinie auf. Es sollte so viel aufgetragen werden, dass beim Zusammenfügen der zwei Teile etwas von der Masse hervorquillt und somit die Bruchlinie betont. So werden nach und nach alle Scherben zusammengefügt.
Alternativ kannst du auch nur den Klebstoff ohne Pulverzusatz auftragen, hier dann allerdings etwas sparsamer. Anschließend werden die Bruchlinien dann mit einer goldenen Farbe markiert. Und da Bilder mehr sagen als Worte, kann ich dir hierzu als Einführung das Video von Gerstaecker empfehlen, damit du einfach mal eine Vorstellung von Kintsugi bekommst.
Die Profis arbeiten natürlich mit echtem Gold! Und die Reparatur dauert mehrere Wochen! Im Video Broken Into Beauty kannst du einem Profi dabei zusehen, wie er mit viel Geduld und Mühe ein Keramikgefäß repariert.

Momente der Reparatur mit Kintsugi
Foto von Martin Baron auf Unsplash
Was brauchst du dafür?
Der Klebstoff: Du hast die Wahl zwischen handelsüblichen Ein- oder Zweikomponenten-Kleber für Keramik oder dem Original-Urushi-Naturharz-Kleber. Dazu kommen Holzstäbchen und kleine Pinsel. Kleine Löcher kannst du mit passender Modelliermasse schließen. Und goldenes Pulver (Lebensmittelfarbpuder) oder goldene Acrylfarbe bzw. Keramikfarbe. Alles in allem für etwa 30 €.
Am einfachsten hast du es natürlich mit einem kompletten Kintsugi-Set, in dem alles drin, was du als Anfänger brauchst. Oft liegt auch eine gute Anleitung bei. Die Sets gibt es mit verschiedenen Inhalten und kosten üblicherweise zwischen 15 und 35 €. Kaufen kannst du das alles natürlich online oder aber auch in Geschäften für Bastel- bzw. Künstlerbedarf.
Ist Kinsugi etwas für dich?
Kintsugi ist ein geeignetes Hobby für dich, wenn du Freude an ruhiger, konzentrierter Handarbeit hast und Geduld für langsame, sorgfältige Prozesse mitbringst. Die Technik verlangt ein gewisses Maß an Feinmotorik, Experimentierfreude und die Bereitschaft, Fehler als Teil des Ergebnisses zu akzeptieren.
Wenn dich die Idee reizt, Zerbrochenes nicht nur zu reparieren, sondern ihm eine neue, sichtbare Geschichte zu geben, findest du im Kintsugi eine Tätigkeit, die zugleich kreativ, meditativ und überraschend erfüllend ist.
Mehr Informationen?
Es gibt etliche Videos zu diesem Thema. Ein empfehlenswertes ist The Japanese Art of Repairing Broken Ceramics. Leider injapanisch mit englischen Untertiteln, aber es wird die Vorgehensweise anschaulich erklärt. Und es gibt natürlich auch Bücher, da kannst du dann immer wieder mal nachschlagen.
Aber es gibt auch in manchen Orten Workshops wie beispielsweise bei Kintsugi Berlin oder in der KINTSUGI ACADEMY Mannheim. Die Website Konfetti hilft dir gern bei der Suche nach einem Workshop in deiner Nähe. Aber auch Kunstzentren und Museen sowie Töpfer- und Kunsthandwerkstätten bieten manchmal Kintsugi-Workshops an.
Im Netz findest du auch Anleitungen wie im AW-Magazin, hier mit einem interessanten Video, oder bei selbermachen inklusive Kaufempfehlungen. Sehr detailliert und gut strukturiert ist die Anleitung auf DIP-Tools. Also: Wann startest du dein neues Abenteuer „Reparieren mit Gold“?

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